Woher kommt eigentlich das Wort "oida" in seiner heutigen Funktion in Wien?

beantwortet von: Ludwig M. Breuer & Manfred „Manzi“ Glauninger

Wie seid ihr zur (Forschungs-)Frage gekommen?

LMB: Diese oder ähnliche Fragen bekommen wir immer wieder von Interessierten gestellt. Letztens, zum Beispiel, wurde ich gefragt, ob „odia“ sich von „alter“ ableitet oder eher von dem Begriff „alter/alda“, das im deutschen Rap Ende der 80er, Anfang der 90er populär wurde. So eine Frage ist dann spontan natürlich schwer zu beantworten. Deshalb sind wir ihr nachgegangen und können schon vorweg sagen: woher „oida“ in seiner heutigen Funktion in Wien stammt, lässt sich nicht ganz eindeutig beantworten. 

Manzi: Ja, aber zugespitzt direkt zur Anfrage: Wahrscheinlich stimmen These a) UND b) ... Die entsprechende Entwicklung von „oida“ war im Wienerischen wohl schon angelegt, das bundesdeutsche „alter/alder“ hat dann vielleicht den Gebrauch als Diskurspartikel zusätzlich „getriggert“ - aber das ist (und bleibt wohl) Spekulation.

Diskurspartikel – was ist das?

LMB: Eine Diskurspartikel ist eine Art „Füllwort“, das selbst wenig semantischen Sinn hat, aber von uns verwendet wird, um Gespräche zu steuern und zu strukturieren. Ein Beispiel wäre „gell“, „also“, „halt“ – oder eben auch „oida“. „oida“ war aber nicht von Anfang an eine Diskurspartikel.

Welche verschiedenen Entwicklungsstadien und Bedeutungen von „oida“ kann man unterscheiden?

Manzi: Praktisch im gesamten deutschen Sprachraum wird „Alter/Alte“ – also die männliche und weibliche Nominalisierung des Adjektivs „alt“ - über die ureigenste Bedeutung (,alter Mann‘, ,alte Frau‘) hinaus seit langem als (v. a. auch als abschätzige) Bezeichnung für Respektspersonen (Vater, Ehemann, Chef bzw. Mutter, Ehefrau, Chefin etc.) verwendet; so auch „Oida/Oide“ im mittelbairischen Dialektraum und somit in Wien. Bei der (direkten) Adressierung von männlichen oder weiblichen Personen, wenn Männer oder Frauen also direkt angesprochen werden, bleibt das grammatische Geschlecht (Genus) erhalten: „Alter/Alte, schau nicht so blöd!“ etc.

LMB: Tendenziell geht man davon aus, dass sich „oida“ als Diskursmarker (also nicht in der Funktion für ,alter Mensch‘) zumindest zunächst als Ansprache (aber eben noch genusdifferent „heast Oide/Oida“) in den 70er und 80er Jahren unter Wiener Jugendlichen etabliert hat. Etwa diese Zeitspanne bestätigen auch ältere Gewährspersonen aus Wien, die ich im Zuge meiner Dissertation aufgenommen habe; allerdings sind das natürlich noch keine Belege.

Manzi: Der nächste Schritt war dann wohl – ebenfalls schon sprachgeschichtlich sehr früh – die interjektionale1 Verwendung.  der maskulinen Form: „Alter, das gibt's doch nicht!“ (ohne direkte Adressierung einer Person) etc.
Im Gegensatz zur Verwendung als Diskurspartikel ist hier die Stellung im Satz/Text noch nicht völlig frei, sie entspricht der Stellung von Interjektionen, als z.B. oft am Anfang eines Satzes.

Der letzte Schritt ist der Übergang zur Diskurspartikel – darum geht es in der Anfrage, die LMB bekommen hat. Eine Diskurspartikel ist, wie schon erwähnt, eine Art „Füllwort“, das losgelöst vom grammatischen und semantischen Zusammenhang an fast jeder Position im Satz/Text auftauchen und dabei im Verlauf der Kommunikation sehr oft wiederholt werden kann. 
Die Diskurspartikel dient u. a. der Steuerung des Gesprächs und der expressiven (Gruppen-)Identititätsmarkierung. Zu erkennen ist sie im Gegensatz zu b) vor allem auch daran, dass sie nicht mehr das grammatische Geschlecht markiert. Somit kann in Wien auch im Gespräch mit einer weiblichen Person gesagt werden „(du) oida, das war echt gemein, oida!“ und Ähnliches.

Und woher stammt nun das Wort „oida“?

LMB: Das lässt sich, wie wir versucht haben zu erklären, nicht eindeutig sagen. Wenn die Annahme richtig ist, also dass es sich in den 70er/80ern etabliert hat, dann kann es natürlich sein, dass es sich parallel zu den bundesdeutschen Formen entwickelt hat und von entsprechenden kulturellen Kontexten der 90ern gestützt wird / wurde. 
Markiert ist das Wort „oida“ in Österreich allerdings vor allem für „Wien“ oder zumindest „Jugendsprache“.

Manzi: Genau, die Verwendung der Diskurspartikel „oida“ im Ballungsraum Wien wurde im Zusammenhang mit der Jugendbewegung der „Krocha“ österreichweit auffällig und populär. Insofern könnte es durchaus möglich sein, dass dabei der Einfluss bundesdeutscher Rap-Gruppen eine Rolle gespielt hat.

 

Fußnoten

1 Interjektionen sind syntaktisch oft isolierte, wortähnliche Lautäußerung, mit der Empfindungen oder Aufforderungen ausgedrückt oder Laute nachgeahmt werden; Ausrufewort, Empfindungswort (z. B. oh, pfui, pst, muh)

Beantwortet hat diese Frage:

Mag. Ludwig M. Breuer 
Er ist Variations- und Computerlinguist, forscht hauptsächlich am Institut für Germanistik der Universität Wien und als Gast an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Austrian Centre for Digital Humanities) – im Spezialforschungsbereich Deutsch in Österreich arbeitet er in den Teilprojeken 11, 03 und 01 mit. LMB schreibt seine Dissertation zur vertikalen syntaktischen Variation in Wien, oida.

PD Mag. Dr. Manfred Glauninger 
Er ist Soziolinguist, forscht an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Austrian Centre for Digital Humanities / Abteilung Variation und Wandel des Deutschen in Österreich), lehrt an der Universität Wien (Institut für Germanistik) und ist kooptierter Mitarbeiter in den Teilprojekten 05 und 08 des Spezialforschungsbereichs Deutsch in Österreich.