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18. Juli 2018

Halbzeit bei IamDiÖ - Rückblick auf ein Jahr Citizen Science mit Deutsch in Österreich

Über ein Jahr läuft unser Citizen-Science-Projekt „In aller Munde und aller Köpfe – Deutsch in Österreich“ (IamDiÖ) bereits. Nach außen hin scheint es, als ob noch nicht viel passiert wäre. Aber das täuscht.

 

Was bisher geschah …

Im vergangenen Jahr haben wir, unter anderem, das Konzept für die Frage des Monats erstellt und mit Studierenden der Germanistik und der Translationswissenschaft getestet. Bei der Frage des Monats geht es darum, dass jedermann und jedefrau eine Frage zum Thema Deutsch in Österreich einreichen kann. Gibt es schon eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage, erklären unsere WissenschafterInnen den Zusammenhang. Gibt es noch keine Antwort in der Wissenschaft, handelt es sich also um eine Forschungslücke, dann kann sich jedermann und jedefrau selbst auf die Suche nach der Antwort machen. Wir unterstützen sie dabei so gut wie möglich. … Tja, so die Theorie. … In der Praxis gestaltet sich das schon schwieriger. Während die eigenen Studierenden womöglich noch mit Bonuspunkten zur Teilnahme gelockt werden können, ist das Einbinden der sogenannten „breiten Öffentlichkeit“ mit vielen Herausforderungen verbunden.

Den Einstieg in Citizen Science hatte ich mir leichter vorgestellt. Es ist anscheinend doch nicht so einfach, die eigene Begeisterung für das Thema an den Mann und die Frau zu bringen.

Viele Stolpersteine und erste Erfolge

Dass Personen Fragen über die IamDiÖ-Website einreichen können, wird noch kaum genutzt. Die Schnitzeljagd nach Schrift im öffentlichen Raum in Salzburg war von meinen Kolleginnen minutiös geplant, leider machte uns aber ein Schneegestöber einen Strich durch die Rechnung und so erzielte aber nicht die erwünschte Wirkung. Und: Nur wenige Studierende – und WissenschafterInnen – konnten zum Mitmachen in der Pilotphase im ersten Semester animiert werden.

Nichtsdestotrotz können wir natürlich auch erste Erfolge verzeichnen. Wir waren heuer sowohl bei der österreichischen als auch bei der europäischen Citizen-Science-Konferenz sowie der Langen Nacht der Forschung im April vertreten.

Wie man die Öffentlichkeit einbindet …

  Besonders die Lange Nacht der Forschung hat gezeigt, wie wichtig es ist, mit den potenziellen Citizen Scientists (BürgerwissenschafterInnen, AmateurwissenschafterInnen, LaienwissenschafterInnen, Freiwilligen, Teilnehmern – wie sie auch immer genannt werden) in Kontakt zu treten. Während einige der BesucherInnen gezielt nach unserem Stand gesucht hatten und dann lange mit uns diskutierten, stolperten andere wiederum eher zufällig bei uns herein. Es ergaben sich interessante Gespräche. Entweder pinnten die BesucherInnen selbst ihre Fragen auf die Pinnwand „Deine Frage zu Deutsch in Österreich“ oder wir notierten die Fragen, die sich in den Gesprächen ergaben. Für mich war spannend, dass die meisten Personen, die mit ihrer Frage zum Thema Deutsch in Österreich zu uns kamen, auch eine Antwort von uns erwarteten. Zwar konnten unsere ForscherInnen einige Fragen beantworten, wenn es schon wissenschaftliche Studien dazu gab, aber vieles ist noch unerforscht und daher auch unbeantwortet. Es war teils schwierig, den Fragenden zu vermitteln, dass auch die Wissenschaft nicht auf alles eine Antwort weiß und es noch viele offene Fragen gibt. Sich selbst auf die Suche nach der Antwort machen, wollten sich die meisten aber auch nicht.

Das bringt ich auch schon zu meiner nächsten Beobachtung, die ich in einem Jahr Citizen Science gemacht habe: Die Passivität der BürgerInnen. Angesichts von sozialen Medien oder dem Wunsch nach Mitbestimmung, bin ich davon ausgegangen, dass Menschen mehr Interesse daran haben, aktiv an der Wissenschaft mitzuwirken und eine aktivere Rolle in der Schaffung von Wissen einzunehmen. Allerdings wurden anscheinend nicht umsonst ganze Abhandlungen über die Motivation von BürgerwissenschafterInnen geschrieben.

Was steht in der nächsten Halbzeit noch an?

 

Wir sind heuer noch bei zwei Wissenschaftsfestivals vertreten: Dem FWF BeOpen Science Festival im September und dem Citizen Science-Tag am Campus der Universität Wien im Oktober. Ein Gutteil unserer Arbeitszeit fließt derzeit in die Vorbereitungen: Beim FWF BeOpen-Festival können die BesucherInnen uns sagen, wie viele Sprachen bzw. Varietäten (sprich Dialekte und Ähnliches) Sie sprechen. Außerdem kann man Varietäten an unserer Hörstation raten und einer Region in Österreich zuordnen. Und: Es gilt wieder Comics mit Sprache zum Leben zu erwecken oder „Deine Frage zu Deutsch in Österreich“ auf unseren Fragebaum zu hängen.

 

Im Herbst gehen wir groß raus

Ab Herbst 2018 werden wir dann auch in den Medien – in den traditionellen, wie in den sozialen – und Projektstandorten mit unseren Aktionen vertreten sein. Die Frage des Monats können Teilnehmende über unsere Website oder während der Wissenschaftsfestivals uns oder sich selbst stellen. Einige Antworten werden auf der IamDiÖ-Website veröffentlicht. Bei der Lingscape-Schnitzeljagd im Oktober können sich Interessierte auf die Suche nach Schrift im öffentlichen Raum in Österreich machen und ihre Fundstücke über die Lingscape-App hochladen. Beim Meme-Wettbewerb wiederum kann man Bilder mit coolen (Dialekt-)Sprüchen kombinieren. Als Anreiz mitzumachen, gibt es bei allen Aktionen ein DiÖ-T-Shirt oder eine Tasse mit einem witzigen Aussagen unserer InformandInnen zum Thema Deutsch in Österreich zu gewinnen.

Wozu das Ganze?

Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass Wissenschaft von der Bevölkerung oftmals als Wissensvermittler und Antwortgeber betrachtet wird. Die Menschen sind zwar an diesem Wissen und den Antworten interessiert und rezipieren diese auch, aber der langfristige Nutzen bleibt teilweise aus. Citizen Science kann ein Weg sein, um BürgerInnen aus ihrer passiven Rolle in der Wissenschaft herauszuholen. Denn die sogenannte „breite Öffentlichkeit“ verfügt selbst über sehr viel Wissen und kann auf unterschiedlichste Art einen Beitrag zur Wissenschaft leisten. Dieser Beitrag kann die Form von Crowdsourcing annehmen, in dem die Menschen Bilder von Schildern mit Schrift in einer App hochladen, oder das Stillen des eigenen Wissensdurstes, in dem sich Menschen mit Unterstützung von WissenschafterInnen auf die Suche nach einer Antwort machen.

Ich sehe Citizen Scientists nicht nur als einmalige Datenlieferanten. Vielmehr sehe ich Citizen Scientists als kurz- bzw. längerfristig aktive MitforscherInnen, die mit ihrem Wissen und ihren Anliegen auch selbst Forschung betreiben und eine aktive Rolle in der Gestaltung von Wissenschaft einnehmen können.


Zitation
Heinisch, Barbara (2021): Halbzeit bei IamDiÖ - Rückblick auf ein Jahr Citizen Science mit Deutsch in Österreich.
In: DiÖ-Online.
URL: https://iam.dioe.at/blog/1312
[Zugriff: 01.12.2021]