Dialekt lernt man nicht, den bekommt man mit. Stimmt das?

beantwortet von: Yvonne Rusch

Wie bist du zu dieser (Forschungs)frage gekommen?

Ehrlich gesagt, bin ich zu der Frage gekommen, weil sie mich irritiert hat. Ich meine, wo liegt denn der Unterschied zwischen etwas „lernen“ und etwas „mitbekommen“? Ist das nicht dasselbe? Mir kam dann der Gedanke, dass die meisten beim Thema „Sprache“ mit dem Begriff „Lernen“ in erster Linie mühsames Pauken von Vokabeln und Grammatikregeln, wie im Englisch- oder Französischunterricht in der Schule, verbinden. Allerdings ist das nicht der einzige Weg, eine Sprache zu erlernen.

Welche Methode hast du gewählt? Wie bist du an die Frage rangegangen?

Die Frage hat mich an Lerninhalte aus meinem Lehramtsstudium in den Fächern Deutsch und Psychologie/Philosophie erinnert. Deshalb habe ich zunächst in der einschlägigen Literatur recherchiert. Zudem habe ich noch die Methoden „Introspektion“ und „Interview“ gewählt (unten dazu mehr).

Wie hast du die Daten gesammelt? Wie bist du zu den Infos gekommen?

Es gibt sehr viel Forschung darüber, wie Menschen neue Fähigkeiten erlernen, auch Sprache. Deshalb habe ich in Psychologiebüchern und sprachwissenschaftlichen Texten nachgelesen.  Außerdem habe ich darüber nachgedacht, wie es für mich als Vorarlbergerin war, als ich vor knapp zehn Jahren nach Salzburg kam und noch kein „Salzburgerisch“ sprechen konnte, also den Dialekt erst lernen musste. Das war die oben erwähnte „Introspektion“, das „In-sich-selbst-hineinschauen“, um eine Antwort auf die gestellte Frage zu finden. Zudem kenne ich einen Studenten, der aus den USA stammt und hier in Salzburg nach wenigen Jahren nicht nur perfekt Deutsch, sondern auch sehr gut „Salzburgerisch“ gelernt hat. Mit ihm habe ich ein kurzes Interview über seinen Lernprozess geführt.

Zu welchen Ergebnissen bist du gekommen? Was ist dabei rausgekommen?

Laut Literatur, die ich während meines Lehramtsstudiums gelesen habe, gibt es verschiedene Arten des Lernens bzw. Sprachlernens: „explizites Lernen“ und „implizites Lernen“ bzw. „gesteuerten Spracherwerb“ und „ungesteuerten Spracherwerb“.

Als „explizites Lernen“ und „implizites Lernen“ werden in der Psychologie die zwei grundlegenden Arten des Lernens bezeichnet: Um explizites Lernen handelt es sich, wenn man absichtlich und bewusst lernt, etwa beim Fremdsprachenlernen im Schulunterricht. Wenn man aber beispielsweise als Kleinkind seine Muttersprache lernt bzw. einen Dialekt, dann handelt es sich hingegen um implizites Lernen. Bei dieser Form des Lernens ist uns nicht bewusst, dass wir gerade etwas lernen und es geschieht praktisch mühelos (Bak 2019, S.50).

Ganz ähnlich verhält es sich beim „gesteuerten“ und „ungesteuerten“ Spracherwerb: Der gesteuerte Spracherwerb ist mit dem expliziten Lernen im Fremdsprachenunterricht gleichzusetzen: Wir entscheiden uns bewusst den Unterricht zu besuchen und wir lernen Vokabeln und Grammatikregeln absichtlich auswendig. Beim ungesteuerten Spracherwerb lernen wir implizit, also unabsichtlich und unbewusst, wie gesprochen wird, indem wir einfach sprechenden Menschen um uns herum zuhören und sie nachahmen (Klein 2019).

In unseren ersten Lebensjahren erwerben wir also ungesteuert die Sprache, die uns umgibt. Das kann auch ein Dialekt einer Sprache sein. Das ist ein natürlicher Vorgang, für den wir uns nicht anstrengen müssen; wir bekommen einfach mit, wie man spricht.

Aber auch im späteren Leben können wir noch implizit einen Dialekt oder sogar eine Sprache erlernen. So wie ich, als ich vor zehn Jahren nach Salzburg kam und noch kein „Salzburgerisch“ sprechen konnte, sondern nur „Vorarlbergerisch“ und „Hochdeutsch“ (bzw. Standarddeutsch, wie diese Sprachform heutzutage genannt wird). Beides hatte ich als Kind in den ersten Lebensjahren hauptsächlich von meinen Eltern und Großeltern ungesteuert erlernt, also einfach mitbekommen, da meine Großmutter aus Deutschland stammte und das „Vorarlbergerische“ „nicht schön“ fand. Leider gibt es keine Dialektsprachkurse, die ich in Salzburg hätte besuchen können, um den Dialekt zu lernen. Deshalb habe ich implizit bzw. ungesteuert gelernt: Wenn man ständig „wos“ statt, „was“ hört, dann merkt man sich das einfach, ebenso „Wosser“ statt „Wasser“, und man fängt an, das auch so zu sagen, da man sich integrieren möchte. Aber Achtung: Eine zu dünne Suppe ist nicht etwa „wossrig“, sondern „wassrig“ und es heißt nicht „Toxifohra“, sondern „Taxifohra“. Aber auch diese Ausnahmen habe ich mit der Zeit implizit und ungesteuert gelernt, da ich vom Dialekt einfach tagtäglich umgeben war.

Auch Migranten und Migrantinnen erlernen österreichische Dialekte eher implizit bzw. ungesteuert durch Alltagserfahrungen, da normalerweise in Deutschkursen „Hochdeutsch“ (also Standarddeutsch) unterrichtet wird und keine Dialekte. Mein Studienfreund Mason Wirtz, der aus den USA stammt und jetzt in Österreich lebt, hat da allerdings eine etwas andere Erfahrung gemacht: Für ihn ist die Frage danach, ob man Dialekt explizit lernt oder implizit mitbekommt eine Frage der Reihenfolge:

„Zuerst bekommt man Dialekt mit und versteht ihn nicht oder nicht gut, das ärgert einen und man muss sich dann meiner Meinung nach bewusst entscheiden, ob man ihn lernen will oder nicht und dann muss man entscheiden, wie man das Lernen angeht. Ich war in Österreich jeden Tag von Dialekt sprechenden Menschen umgeben und habe gemerkt wie wichtige diese Sprechweise im Alltag der Menschen ist. Je mehr ich dem Dialekt ausgesetzt war, davon ungesteuert mitbekommen habe, desto mehr wollte ich das genau und gesteuert lernen. Ich habe also Freunde gebeten mir Dialektphrasen explizit beizubringen, um sie bewusst zu lernen und habe das mit meinen Freunden im geschützten Rahmen ausprobiert und mich von ihnen ausbessern lassen. Eine Freundin hat besonders viel mit mir geübt und ganz langsam und deutlich mit mir Dialekt gesprochen. Das hat mir sehr geholfen, selbst Dialekt sprechen zu lernen.“

Mason Wirtz hat als erwachsener englischsprachiger Amerikaner in Österreich also zunächst mit implizitem Dialektlernen (ungesteuertem Dialekterwerb) angefangen. Anschließend hat er sein Wissen über das Fremdsprachenlernen aus der Schule und seinem Studium eingesetzt, um durch explizites Lernen mit Hilfe seiner Freunde seinen Lernprozess besser zu strukturieren und selbst festzulegen, was er wann wie lernt (gesteuerter Dialekterwerb).

Literatur

Bak, Peter Michael (2019): Implizites Lernen. In: Peter Michael Bak (Hg.): Lernen, Motivation und Emotion. Allgemeine Psychologie II – das Wichtigste, prägnant und anwendungsorientiert. 1st ed. 2019. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg; Imprint: Springer (Angewandte Psychologie Kompakt), S. 49–56.

Klein, Wolfgang (2019): Typen und Konzepte des Spracherwerbs. In: Ludger Hoffmann (Hg.): Sprachwissenschaft. Ein Reader. 4., aktualisierte und erw. Aufl. Berlin: de Gruyter (De-Gruyter-Studium), S. 219–241.

Beantwortet hat diese Frage:

Mag. Yvonne Rusch

Seit März 2020 im Team des Salzburger SFB-Teilprojekts PP10 „Wahrnehmung von und Einstellungen zu Varietäten und Sprachen an österreichischen Schulen“ als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin/Doktorandin tätig. Die Forschungsschwerpunkte des Projekts betreffen Spracheinstellungsforschung und Perzeptionslinguistik.