Warum gibt es in Österreich so viele Dialekte?

beantwortet von: Alexandra N. Lenz

 

Kann man Dialekte eigentlich „zählen“?

In Österreich und in der Schweiz gehören Dialekte zum Sprachalltag vieler Menschen. Das ist in weiten Teilen Deutschlands, besonders im Norden, seit einigen Jahrzehnten nicht mehr der Fall. In Österreich werden Dialekte nach wie vor auch von jüngeren Menschen noch erlernt und gesprochen. Zumindest in ländlichen Regionen stimmt diese Beobachtung, während in städtischen Räumen die Zahl der Dialektsprecherinnen und Dialektsprecher bzw. auch der Gebrauch von Dialekten abnimmt. Solange es örtliche oder kleinräumige Sprachgemeinschaften gibt, in denen Dialekte im Sprachalltag noch eine wichtige Rolle spielen (etwa im Familien- oder Freundeskreis), haben Dialekte eine Chance, ihre ganz speziellen ortstypischen Besonderheiten zu bewahren.
„Ortstypische“ Besonderheiten können, wie der Name schon sagt, von Ort zu Ort wechseln. Mitunter sind es nur sehr wenige sprachliche Besonderheiten, die für Dialektsprecherinnen und Dialektsprecher „unsere Mundart“ vom Dialekt des Nachbarorts unterscheiden. Von außen betrachtet sind diese Unterschiede weniger auffällig, sodass „Nicht-Eingeweihte“ die Dialekte von mehreren Ortschaften möglicherweise beim Zählen zusammenfassen würden, weil sie sich so ähnlich sind. 

Welche Dialekte gibt es in Österreich?

Gerade wenn wir auch Dialekte aus anderen Regionen des gesamten deutschsprachigen Raums in die Betrachtung mit einbeziehen, fällt auf, dass die Dialekte Österreichs in zwei Gruppen eingeteilt werden können. Die meisten Dialekte Österreichs werden dem sogenannten „bairischen“ Sprachraum zugeordnet. Zu diesem Sprachraum gehören die österreichischen Dialekte fast aller Bundesländer mit Ausnahme Vorarlbergs und der Region Außerfern im Norden Tirols. In diesen besonderen Regionen Österreichs wird nämlich „Alemannisch“ gesprochen, was ansonsten vor allem in der Deutschschweiz und im Südwesten Deutschlands vorkommt. Ein deutlicher Unterschied zwischen dem alemannischen Westen Österreichs und der bairisch-österreichischen Dialektgruppe wird an Wörtern wie Käse oder mähen deutlich, die in alemannisch-österreichischen Dialekten (wie auch im Hochdeutschen) mit e-Vokal ausgesprochen werden. In den bairischen Dialekten heißt es hingegen Kaas oder mahn.

Gibt es also nur zwei Dialekträume in Österreich?

Für die Dialektologie (die Sprachwissenschaft, die sich mit Dialekten beschäftigt) sind natürlich gerade auch die Dialektunterschiede innerhalb dieser beiden Großräume interessant. Sprachkarten, in denen die Dialektlandschaft Österreichs abgebildet ist, teilen meist den bairisch-österreichischen Sprachraum in vier Untergruppen auf: 1. das Mittelbairische, das vor allem in Ober- und Niederösterreich sowie im Wiener Raum gesprochen wird; 2. das Südbairische, das vor allem in Kärnten und in Teilen der Steiermark und Tirols vorzufinden ist; zu diesen beiden Großräumen kommen zwei „Übergangsräume“ hinzu, nämlich 3. das südmittelbairische Übergangsgebiet (v. a. Burgenland, Salzburg, Teile der Steiermark und Tirols) und 4. das bairisch-alemannische Übergangsgebiet, das den Übergang zwischen den bairischen und alemannischen Dialekten im Westen Österreichs markiert. Und obwohl es in Österreich nur einen verhältnismäßig kleinen alemannischen Raum gibt, können wir auch hier auf verschiedene Typen alemannischer Dialekte stoßen.

Warum gibt es also in Österreich so viele Dialekte?

Weil Dialekte in Österreich lebendig sind! Das heißt: Weil es nach wie vor in allen Räumen Österreichs noch Dialektsprecherinnen und Dialektsprecher über die Generationen hinweg gibt, die ihren Dialekt im Alltag gebrauchen und dabei auch – sei es auch nur in bestimmten Situationen oder auch spielerisch – ortstypische Besonderheiten ihres Dialekts lebendig halten.

 

Beantwortet hat diese Frage:

Prof. Dr. Alexandra N. Lenz
Sprecherin des SFB und Leiterin der Teilprojekte PP01 (Koordinationsprojekt), PP03 (Sprachrepertoires und Varietätenspektren) sowie PP08 (Standardvarietäten aus perzeptionslinguistischer Perspektive). Forschungsschwerpunkte im Bereich der phonetisch-phonologischen, lexikalischen und syntaktischen Variation sowie in der Spracheinstellungs- und -perzeptionsforschung. Seit 2016 Leiterin der ÖAW-Forschungsabteilung "Variation und Wandel des Deutschen in Österreich".