Warum heißt es Muttersprache und nicht Vatersprache?

beantwortet von: Stefan Newerkla

Wie bist du zu dieser Frage gekommen?

Gestellt wurde uns die Frage „Warum heißt es Muttersprache und nicht Vatersprache? Weil Mütter mehr Zeit mit Kindern verbringen?“ bei der Langen Nacht der Forschung 2018. Der UNESCO-Tag der Muttersprache (21. Februar) schien uns als passender Anlass dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Woher kommt der Begriff Muttersprache?

Muttersprache stammt von lateinisch lingua materna („mütterliche Sprache“) ab. Die Herkunft des Begriffs lingua materna selbst ist eine mittelalterliche Prägung, die sich erst seit dem frühen 12. Jahrhundert in der Bedeutung „Muttersprache“ nachweisen lässt. Bis heute besteht keine letzte Klarheit darüber, ob sich der mittellateinische Begriff eher auf das Deutsche oder gar das Französische bezieht im Gegensatz zum klassischen lateinischen Terminus sermo patrius („väterliche Sprache“).[1] Jedenfalls wurde unter der materna lingua nicht das Latein als Bildungssprache verstanden, sondern die Sprache, die durch ungesteuerte Lernprozesse im Kontakt mit der Mutter erworben wurde.

Kann es nicht auch „Vatersprache“ heißen?

Natürlich! Im Lateinischen gab es die Verbindung sermo patrius „väterliche Sprache“ sehr wohl, sie hat sich nur kaum in einer Sprache Europas gehalten. Eine Ausnahme stellt das Polnische mit język ojczysty oder mowa ojczysta „Vatersprache“ und das Obersorbische wótcowska rěč „Vatersprache“ neben maćeršćina bzw. maćerna rěč „Muttersprache“ dar. Ansonsten gibt es heute in allen slawischen Sprachen, aber auch im Ungarischen anyanyelv, im Türkischen anadili sowie in den germanischen und den romanischen Sprachen die „Muttersprache“.

Heißt es Muttersprache, weil Mütter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen?

Die Idee ist zumindest weitverbreitet und in einer Gesellschaft, in der Mütter hauptsächlich für die Kinderbetreuung zuständig sind, scheint das auch naheliegend. Ganz so einfach, ist die Antwort aber dann doch nicht. In dem Begriff Muttersprache vermengen sich verschiedene Vorstellungen – so haben z.B. schon Jacob und Wilhelm Grimm die Muttersprache in ihrem Wörterbuch als „von der mutter her überkommene sprache“, aber auch „heimatliche sprache“ definiert. Das zeigt, dass der Begriff Muttersprache auch stark ideologisch konnotiert ist, weil er Sprache gleichsam auf Abstammung zurückführt. So beinhaltet der Begriff nicht nur die Vorstellung, dass jemand die Sprache der (leiblichen) Mutter erlerne, sondern auch, dass das Teil einer natürlichen Ordnung sei (also kein gesellschaftliches Phänomen mehr). Und zwar in dem Sinn, dass ethnischen Gruppen jeweils eine bestimmte Sprache zugewiesen wird.

Nun wissen wir aber, dass die Beziehung des Kindes zur Mutter zwar in der Regel als primäre Bindung zu verstehen ist, die lingua materna dennoch nur fiktives Herzstück einer Sprachgemeinschaft ist. Es gibt unzählige Beispiele für Konstellationen, in denen die Muttersprache des Kindes nicht die Muttersprache der Mutter ist: etwa in mehrsprachigen Eltern-Kind-Beziehungen, wenn nicht die Mutter, sondern der Vater oder andere Personen, die primären Bezugspersonen sind oder unter bestimmten Rahmenbedingungen (etwa slowakische Mama auf tschechischem Gebiet, das Kind hat aber als Muttersprache Tschechisch; oder weißrussische Mutter mit Kind in Belarus, das Kind hat aber als Muttersprache Russisch usw.).

Gibt es auch einen „besseren“, neutraleren Begriff für die Muttersprache?

Ja, in der Sprachwissenschaft sprechen wir deshalb häufig nicht von der Muttersprache, sondern von der Erstsprache, abgekürzt wird sie mit L1 („first language“). Gemeint ist damit einfach die erste Sprache, die ein Mensch erlernt – alle weiteren Sprachen, die ein Mensch lernt, werden dann als L2, L3 usw. bezeichnet. Manche Menschen haben sogar mehr als eine Erstsprache (L1), z.B. wenn Kinder in mehrsprachigen Eltern-Kind-Beziehungen zwei Sprachen gleichzeitig erlernen.
Interessant ist vielleicht auch noch, dass auch wenn viele Personen oft nur eine Erstsprache (L1) haben, weltweit gesehen, die meisten Menschen zwei- oder mehrsprachig sind – also über eine L2, L3 oder Lx verfügen.


[1] Wie kann es sein, dass eine Sprache das Lateinische beeinflusst und nicht umgekehrt? Latein war im Mittelalter zwar Sprache der Kirche, Wissenschaften und eine verbreitete Schriftsprache, nicht aber die „Muttersprache“ der Gelehrten. So kam es, dass die „Muttersprache“ des jeweiligen Autors manchmal, z.B. bei Übersetzungen oder wenn es neue Konzepte zu beschreiben galt, auch dessen Latein beeinflusste.

Beantwortet hat diese Frage:

Univ.-Prof. Mag. Dr. Stefan Newerkla
Er leitet die Teilprojekte „Deutsch im Kontext mit den anderen Sprachen im Habsburgerreich (19. Jahrhundert) und in der Zweiten Republik Österreich“ (PP05) und „Deutsch und slawische Sprachen in Österreich: Aspekte des Sprachkontakts“ (PP06).
Seine Forschungsschwerpunkte liegen u. a. im Bereich der westslawischen Sprachwissenschaft, der Kontaktlinguistik und historischen Soziolinguistik sowie des Schulwesens und Sprachunterrichts in der Habsburgermonarchie. Seit 2009 Ko-Vorsitzender der Ständigen Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe (SKÖTH).