Zeichnung; zusehen sind: drei Sprechblase, die jeweils verschiedenen A's enthalten in grün, gelb und blau; sie schweben über einer Filmklappe, Filmrolle und einem aufgeschlagenem Buch

Wie werden Dialekte übersetzt?

beantwortet von: Barbara Heinisch

Wie bist du zur (Forschungs-)Frage gekommen?

Als ausgebildete Fachübersetzerin beschäftige ich mich unter anderem mit audiovisueller Translation bzw. multimedialer Übersetzung. Dazu gehören unter anderem Untertitelung und Synchronisation von Filmen.

Selbst im Alltag, beim Lesen oder beim Fernsehen, fällt mir als Übersetzerin auf, wenn in einem amerikanischen Film, der Deutsch synchronisiert wurde, plötzlich jemand Wienerisch spricht oder in einem übersetzten Buch eine Figur eine derbe Ausdrucksweise hat, während sie im Originalbuch einen Dialekt spricht. Der Umgang mit Umgangssprache, Dialekt oder Akzenten beim Übersetzen wird auch in der Translationswissenschaft diskutiert. Es ist spannend zu sehen, welche Übersetzungsstrategien in Literatur und Film für die Übersetzung von Dialekten angewendet werden.

Worauf muss man beim Übersetzen von Dialekten achten?

Dialekt ist für das Verständnis der Handlung oftmals von grundlegender Bedeutung. Er ist ein Ausdrucksmittel für den Autor bzw. die Autorin und für seine bzw. ihre Figuren. Er spiegelt damit nicht nur das Lokalkolorit, sondern auch „das Andere“ wieder.
Dialekt ist demnach ein stilistisches und ästhetisches Mittel, der in Verbindung mit dem geschichtlichen, geografischen und kulturellen Umfeld steht. Dialekte helfen dabei, Personen einzuordnen – in welche Kategorien sie eingeordnet werden, kann sich allerdings von Kultur zu Kultur unterscheiden. So dienen deutsche Dialekte vor allem der geografischen Verortung einer Person, z.B. Wiener Dialekt oder Vorarlberger Dialekt, während z.B. polnische Dialekte mehr mit Klassenzugehörigkeit in Zusammenhang stehen. Außerdem unterscheiden sich Dialekte nicht immer in denselben Merkmalen. So können sich Dialekte z.B. in der Aussprache oder der Wortwahl unterscheiden.

Übersetzerinnen und Übersetzer versuchen grundsätzlich den Sinn des Ausgangstextes in der Zielsprache wiederzugeben. Sie versuchen außerdem dafür zu sorgen, dass der Zieltext eine ähnliche Reaktion bei der Leserschaft auslöst wie das Original und dieselbe Funktion erfüllt.
Die Schwierigkeit beim Übersetzen von Dialekten liegt nicht nur in der Einzigartigkeit eines Dialekts, sondern auch im Kontext des Gebrauchs von Dialekt, also Fragen wie: In welchen Situationen wird überhaupt Dialekt verwendet? Wie passe ich den Dialektgebrauch an die jeweilige Gesprächspartnerin bzw. den jeweiligen Gesprächspartner und andere Faktoren an?

Dialekte helfen uns dabei, Sprecherinnen und Sprecher z.B. sozial, kulturell und regional einzuordnen. Dabei gehen mit Dialekten auch bestimmte Klischees einher. In Literatur und Film sind Dialekte Bestandteil des Gesamtwerks und können eine geschichtliche, politische, geografische, kulturelle sowie ästhetische Funktion haben. Bevor man zu übersetzen beginnt, gilt es zunächst zu verstehen, warum überhaupt Dialekt verwendet wurde – ganz speziell in dem jeweiligen Werk, aber auch welche Funktionen der Dialekt im allgemeinen Sprachgebrauch hat.

Wie wird Dialekt also übersetzt?

Es gibt nicht die Patentlösung, sondern viele Möglichkeiten, wie Dialekt in Literatur und Film übersetzt oder auch nicht übersetzt wird. Dabei beeinflusst auch das Medium die Entscheidungen der Übersetzerinnen und Übersetzer: während in literarischen Werken teils mit „Anmerkungen des Übersetzers“ gearbeitet wird und in Fußnoten die Figuren weiter beschrieben werden, ist im Film der Dialog zwangsläufig mit dem Bild verbunden. Es kommt also erschwerend die technische Komponente zum Tragen, da beispielsweise die synchronisierte Fassung oder Untertitel an das Bild angepasst werden müssen.

Die verschiedenen Strategien, mit Dialekten in Übersetzungen umzugehen, lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

1. Möglichkeit: „Nicht übersetzen“ (Standardisieren)

Die einfachste (und eine relativ häufig verwendete) Strategie ist Dialekt nicht zu übersetzen, sondern zu standardisieren. Spricht beispielsweise eine Figur im englischen Original einen Cockney-Dialekt, wird in der deutschen Übersetzung dafür Standardsprache, also „Hochdeutsch“, verwendet.

Gründe, die für diese Strategie sprechen, sind unter anderem, dass Standardsprache frei von regionalen und sozialen Bedeutungskomponenten ist und es keine geografische oder soziokulturelle Übereinstimmung zwischen Dialekten über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg gibt. Es werden also keine Assoziationen beim Zielpublikum geweckt, die womöglich dem ursprünglichen Dialekt entgegenlaufen. Standardsprache ist außerdem für ein breites Publikum verständlich.

Gründe, die gegen diese Strategie sprechen, sind unter anderem, dass durch die Standardisierung, also die Verwendung von „Hochdeutsch“, ein bestimmendes Merkmal dieser Figur sowie ein Teil der Botschaft und Ästhetik des Werks verloren gehen. Denn die Sprechweise einer Person ist ein (literarisches oder filmisches) Stilmittel. Z.B. können über den Gebrauch eines bestimmten Dialekts Rückschlüsse auf das Alter und die regionale Herkunft einer Person gemacht oder es kann eine bestimmte Stimmung vermittelt werden. So klingen bestimmte Dialekte fröhlich oder melancholisch, hart oder charmant.

2. Möglichkeit: Ersetzen durch einen anderen Dialekt (eine Entsprechung finden):

Eine weniger häufige Übersetzungsstrategie ist es, den Dialekt, der im Original verwendet wird, durch einen Dialekt in der Zielsprache zu ersetzen.

Das Ziel hierbei ist es, die Eigentümlichkeiten und „das Andere“ bzw. das vom Standard Abweichende in der Übersetzung widerzuspiegeln. Ein Beispiel ist Mark Twains Huckleberry Finn. Der Autor bedient sich verschiedener Dialekte, die das Lokalkolorit wiedergeben und die Figuren charakterisieren. Hier liegt die Schwierigkeit nicht nur in der Dialektvielfalt, sondern auch im Zusammenspiel der Dialekte. Durch Dialekt werden die soziale Position, das Bildungsniveau sowie der Ort und die Herkunft der Figuren „sichtbar“. In der Übersetzung bedeutet das, Dialekte in der Zielsprache zu wählen, die diesen Faktoren (zumindest annähernd) entsprechen.

Die Probleme hierbei liegen unter anderem darin, dass der ausgangssprachliche Dialekt nicht durch einen beliebigen zielsprachlichen Dialekt ersetzt werden kann. Schließlich erfüllt der Dialekt im Original einen bestimmten Zweck, der auch in der Übersetzung beibehalten werden soll. Der gewählte Dialekt in der Zielsprache muss glaubhaft wirken und sollte die Botschaft nicht verfremden. Da es relativ schwierig ist, einen Dialekt in der Übersetzung zu finden, der dieselben Merkmale hat und dieselben Assoziationen hervorruft, wie im Original, wird oftmals auch ein geografisch neutraler Soziolekt in der Übersetzung gewählt oder es kommt die dritte Übersetzungsstrategie zum Einsatz.

3. Möglichkeit: Andere Änderungen vornehmen (Kompensation):

Der Dialekt bzw. die Besonderheiten des Gesprochenen können in der Übersetzung auch verdeutlicht werden, in dem man andere Änderungen am Text vornimmt. Dialekt wird hier als Abweichung von der Norm, als Abweichung vom Standard verstanden. Es handelt sich um eine indirekte Methode Dialekt wiederzugeben. Er wird also kompensiert.

Die Kompensation hat zum Ziel, die Eigentümlichkeiten der Ausgangssprache auf andere Art und Weise in der Übersetzung wiederzugeben. Das kann die Veränderung des Registers, d.h. der Sprachebene sein: die Figur redet dann umgangssprachlicher als die anderen. Wenn Dialekt allerdings ein sinntragendes Element ist, z.B. Rückschlüsse auf die regionale Herkunft zulässt, reichen Umgangssprache oder eine niedrigere Stilebene nicht aus. Änderungen in der Übersetzung können demnach auch die Wortwahl, die Wortstellung oder Grammatik betreffen. Die Figur redet dann beispielsweise niedlicher als die anderen, indem sie Verkleinerungsformen verwendet („das Vögelchen sitzt auf dem Mäuerchen“) oder sie bildet Sätze anders. In der Filmsynchronisation kann man z.B. außerdem die Sprechgeschwindigkeit verändern oder eine schlampige Aussprache einsetzen.

Die Schwierigkeit dieser Strategie liegt darin, dass nicht die gesamten Bedeutungsnuancen des Dialekts durch andere Änderungen am Text in die Zielsprache „mitgenommen“ werden können. Es bleibt also fraglich, ob das zielsprachliche Publikum dieselben Schlussfolgerungen auf den Hintergrund (die regionale Herkunft durch die Wortwahl in der Übersetzung oder Rückschlüsse auf den Bildungsstand durch die Idiomatik der Figuren) in einer Standardsprache machen kann.

Was ist deine Schlussfolgerung?

Zusammenfassend lässt sich sagen: Es gibt keine Äquivalente (1:1-Entsprechungen) in anderen Sprachen, weil sich der Status und die Funktion von Dialekten in anderen Ländern unterscheiden. Während in einer Sprache Dialekt eine regionale Ausprägung sein kann, kann er in einer anderen als minderwertig angesehen werden. So genießen beispielsweise der neapolitanische oder venezianische Dialekt in Italien einen höheren Status als der irische oder schottische in Großbritannien. Es gilt daher auch das (Spannungs-)Verhältnis zwischen Standardsprache und Dialekt zu berücksichtigen.

Dialekte sind kulturgebunden und nicht direkt vergleichbar. Somit könnte man Dialekt als unübersetzbar ansehen. In der Translationswissenschaft wären sie demnach Realia, also Elemente, die als unübersetzbar gelten, weil sie keine Entsprechung in einer anderen Kultur haben.

 

Beantwortet hat diese Frage:

Barbara Heinisch, MA.

Seit 2016 im Team des Teilprojekts PP11 (Forschungsplattform). Sie ist gemeinsam mit dem Koordinationsteam für die interne und externe Kommunikation des Gesamtprojekts verantwortlich, in die Entwicklung der Forschungsplattform eingebunden und beschäftigt sich in ihrer Forschung u.a. mit Usability und Citizen Science.