Woher kommt das Wort „Zwetschke“?

beantwortet von: Agnes Kim

Wie bist du zu dieser Frage gekommen, oder: Was ist an „Zwetschken“ interessant, selbst wenn man sie nicht isst?

Aus dem Fundus zahlreicher Fragen, die im Rahmen diverser Veranstaltungen an unser Team herangetragen wurden oder über die Website eingereicht wurden, gleicht jene nach der Herkunft des Wortes „Zwetschke“ ein wenig einer bereits von mir beantworteten, nämlich zur unterschiedlichen Herkunft der Wörter „Topfen“ und „Quark“:

  • Es hat ein – allerdings nur teilweise – synonymes, also gleichbedeutendes Wort, nämlich die „Pflaume“, die aus österreichischer Sicht als (eine) bundesdeutsche Entsprechung gesehen wird (daneben gibt es noch weitere, insbesondere lautliche und orthographische Varianten von „Zwetschke“ in Deutschland).
  • Es wird immer wieder mit seiner tschechischen Entsprechung švestka“ in Verbindung gebracht.

Für mich als Slawistin (genauer: Bohemistin), die sich in ihrer Forschung mit der Frage danach beschäftigt, ob und wie Sprachkontakt mit dem Tschechischen und anderen slawischen Sprachen das Deutsche in Österreich und seine Spezifika geprägt hat, liegt daher nahe, mich auch mit diesem Wort und seiner Geschichte näher zu beschäftigen – obwohl ich das entsprechende Obst selbst aus unerfindlichen Gründen nicht esse! Eigentlich werde ich also mehrere Fragen beantworten:

  • Natürlich zuerst die Eigentliche: Woher kommt das Wort „Zwetschke“?
  • Dann jene nach eventuellen Zusammenhängen mit slawischen Sprachen: Gibt es eine etymologische Verbindung des deutschen Wortes „Zwetschke“ mit seiner tschechischen Entsprechung „švestka“?
  • Und schließlich und schlussendlich noch die Frage nach dem Verhältnis zur „Pflaume“: Wie verhalten sich „Zwetschke“ und „Pflaume“ im Deutschen zueinander?

Woher kommt das Wort „Zwetschke“?

Als „Zwetschke“ wird in weiten Teilen des deutschen Sprachraums nur eine bestimmte Subspezies der Spezies Prunus domestica bezeichnet, die abweichend entweder selbst subsp. domestica oder subsp. oeconomica, zu Deutsch „Echte Zwetschke“ oder auch „Blaue Zwetschke“ benannt wird.

  • Sie zeichnet sich der botanischen und obstbaukundlichen Literatur zufolge insbesondere durch ihre violette bis bläuliche Farbe bei gelblichem Fruchtfleisch, ihre längliche Form und den vergleichsweise großen, länglichen Steinkern, der sich im Gegensatz zu anderen Prunus-Sorten leicht vom Fruchtfleisch lösen lässt, aus. Letztere Eigenschaft führt zu ihrer sehr guten Verarbeitbarkeit, etwa für Kuchen und Knödel oder durch Dörren, und Einkochen (Powidl!). Diese ist sogar notwendig, da die Früchte im Vergleich zu anderen Pflaumen nur begrenzt haltbar sind.

Der germanistischen Literatur zufolge ist der deutsche Name dieser Sorte – also „Zwetschke“ – auf ihre angebliche geographische Herkunft aus der Gegend um Damaskus in Syrien zurückzuführen. Die antike, lateinische Literatur berichtet im 1. Jh. n. Chr.  von den sogenannten Damaszener Pflaumen (damasci prunum oder damascenum prunum) und ihrer Eignung zum Dörren. Bis ins Mittelalter wurde diese Sorte dann insbesondere in Italien, Ungarn, Böhmen und Mähren angebaut. Auch in Griechenland dürfte sie jedoch bekannt gewesen sein – neugriechisch heißen, wie schon im Mittelgriechischen, alle Prunus-Arten Δαμασκηνιά (damaskēná) und dieses Wort hat altgriechisch προῦμνον (prū́mnon) abgelöst, aus dem über das Lateinische (vgl. die botanische Bezeichnung prunus) vermittelt das deutsche Wort „Pflaume“ stammt. Auch in romanischen –norditalienischen und südostfranzösischen – Varietäten bürgerte sich eine verwandte Bezeichnung ein: davascena zum lateinischen damascēna.

  • Ob die „Zwetschke“ nun konkret auf das mittelgriechische oder das romanische Wort zurückgeführt werden kann, dürfte einiges über ihre Einfuhrwege verraten: Ist sie über den Balkan und die Donaustraße nach Zentraleuropa gekommen oder doch über Norditalien? Die Tatsache, dass viele der frühen Belege für das Wort – so z. B. der bisherige Erstbeleg (Tzwetzschken) aus dem Jahr 1303 – eher auf einen ostmitteldeutschen Hintergrund der Schreiber hinweisen, spricht eher für die erste Variante und die griechische Herkunft.

Aus dem Etymon – also der „Urform“ – mittelgriechisch damaskēná lässt die mittelhochdeutsche Form *damáskîn erschließen. Aus dieser leitet sich lautgeschichtlich die „Zwetschke“ (in Deutschland auch „Zwetschge“ oder „Zwetsche“) wie folgt ab:

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Auch die westmitteldeutsche Form „Quetsche“ – die übrigens auch ins Niederländische und Französische entlehnt wurde – kann dadurch erklärt werden: Dass anlautendes, noch nicht lautverschobenes tw- im Westmitteldeutschen zu qu- wurde, ist noch eine weitere Verbindung zum „Quark“.

Gibt es eine etymologische Verbindung des deutschen Wortes „Zwetschke“ mit seiner tschechischen Entsprechung „švestka“?

Das tschechische Wort für die „Zwetschke“, nämlich „švestka“ ähnelt dem Deutschen auf den ersten Blick. Außerdem ist es ein Unikum in den slawischen Sprachen.

  • In allen anderen wird die Frucht als „sliva“ (oder ähnlich) bezeichnet – ein Wort, das wir vom „Sliwowitz“ oder „Schligowitz“, dem Zwetschkenbranntwein kennen. Es ist übrigens mit dem deutschen Wort „Schlehe“, der Bezeichnung für Prunus spinosa verwandt und wird auf eine indogermanische Wurzel mit der Bedeutung „blau“ zurückgeführt.

Diese Ähnlichkeit und die Alleinstellung des tschechischen Worts innerhalb der slawischen Sprachen hat dazu geführt, dass sie oft als voneinander abgeleitet beschrieben wurden. Dabei bevorzugt die germanistische Literatur die Darstellung, das tschechische Wort wäre aus dem Deutschen entstanden, wohingegen die bohemistische es genau umgekehrt erklärt. Kulturgeschichtlich könnte dieses Bild die Tatsache unterstützen, dass neben Italien und Ungarn insbesondere Böhmen und Mähren im Mittelalter und der Frühen Neuzeit als die Hauptanbaugebiete für Zwetschken galten. Wirklich überzeugend kann man die beiden Wörter jedoch nicht als voneinander abgeleitet erklären.

  • Das tschechische Wort lässt sich dafür lautgeschichtlich wunderbar auf ein lateinisches *prunum sebestica zurückführen – mit dem Schönheitsfehler, dass diese Ausgangsform nicht belegt ist und die belegte Form pruna sebestena, also „arabische Pflaume“, eine andere Frucht bezeichnet, nämlich die schwarze Brustbeere (Cordia myxa). Eventuell könnte eine Übertragung der Bezeichnung von einer Frucht auf die andere die Erklärung für das tschechische Wort „švestka“ sein.

Sollten keine weiteren Belege gefunden werden, muss man aber ausgehen, dass das tschechische Wort „švestka“ und das deutsche Wort „Zwetschke“ nicht zusammenhängen – trotz ihrer äußeren Ähnlichkeit und vergleichbaren Bedeutung zumindest in der böhmischen und österreichischen Küche.

Wie verhalten sich „Zwetschke“ und „Pflaume“ im Deutschen zueinander?

Zu einem weiteren deutschen Wort, nämlich der „Pflaume“, steht die „Zwetschke“ einerseits in einem hyponymischen, andererseits auch kohyponymischen, aber auch – über den ganzen Sprachraum hinweg betrachtet – in synonymischem Verhältnis. Was bedeutet das nun?

  • Hyponymisches Verhältnis: Wie bereits oben angesprochen und im folgenden Bild verdeutlicht, ist die Zwetschke eine Pflaumenart. „Pflaume“ – im Sinne von Art Pruna domestica – ist also ein Überbegriff (Hyperonym) zur „Zwetschke“ und die „Zwetschke“ umkehrt ein Unterbegriff (Hyponym) zur „Pflaume“.
  • Kohyponymisches Verhältnis: Es gibt aber auch andere Unterarten der Art Pruna domestica, die als Pflaumen bezeichnet werden – dabei handelt es sich manche Sorten Halbzwetschken (subsp. intermedia). In diesem Sinne sind „Zwetschken“ und „Pflaumen“ Unterbegriffe zu ein und demselben Überbegriff, also Kohyponyme.

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  • Synonymisches Verhältnis: In manchen Regionen des deutschen Sprachraums wird eines der beiden Wörter – „Zwetschke“ oder „Pflaume“ – tendenziell für die meisten Unterarten der Art Prunus domestica, zumindest aber für die subsp. domestica und subsp. intermedia und andere optisch ähnliche Früchte (vielleicht sogar für Prunus salicina?) verwendet. Im Norden des deutschen Sprachraums kommt „Pflaume“ diese umfassende Bedeutung zu, im Süden und insbesondere in Österreich der „Zwetschke“, das geht aus den entsprechenden Karten des Atlas der deutschen Alltagssprache hervor. In diesem Sinne können die beiden Wörter dasselbe bedeuten, sind also synonym. Allerdings gilt für die sogenannte Alltagssprache nicht unbedingt dasselbe, wie in der Standardvarietäten: Das Variantenwörterbuch des Deutschen gibt nur für den nord- und mitteldeutschen Raum an, dass „Pflaume“ „Sammelname für alle verwandten Früchte der Gattung“ sei und nur Fachleute zwischen den Arten terminologisch unterscheiden würden. Für den österreichischen Standard und die „Zwetschke“ gilt das nicht in demselben Maß.

Daraus folgt, oder: Was haben wir daraus gelernt?

Schon die Beschäftigung mit einem einzigen Wort, in dem Fall der „Zwetschke“ kann hochkomplex sein. Anhand dieses Beispiels kann man gut zeigen, was bei Etymologien beachtet werden muss: Die reine oberflächliche Ähnlichkeit von Wörtern – z. B. der deutschen „Zwetschke“ und der tschechischen „švestka“ – reicht nicht aus. Vielmehr müssen Lautgeschichte der Geber- und Nehmersprache, kulturgeschichtliche Aspekte und natürlich auch die Belege in den Quellen berücksichtigt und in Einklang gebracht werden.

Außerdem gab es gewissermaßen nebenbei eine kurze Einführung in die Semantik und auch in die Wortgeographie des Deutschen. Wir konnten sehen, dass verschiedene Varietäten des Deutschen mit ein und demselben Wort verschiedene Aspekte bzw. in unserem Fall Früchte bezeichnen können. Gerade zum Verhältnis von „Zwetschke“ und „Pflaume“ gibt es noch einige ungeklärte Fragen.

  • Diese betreffen z. B. die Dialekte des Deutschen in Österreich: Ein kurzer Blick in die Datenbank des Wörterbuchs der bairischen Mundarten in Österreich lässt eine stärkere Differenzierung nach verschiedenen Sorten erwarten, als es die hier fokussierte Gegenüberstellung vermuten lässt. Außerdem sollte untersucht werden, ob sich nicht-standardsprachliche Formen des Deutschen in Österreich tatsächlich anders verhalten als die Standardsprache, also ob in ihnen die „Zwetschke“ tatsächlich auch Überbegriff für mehrere Unterarten der Prunus domestica sein kann.

Solche Fragen zu beantworten ist das Ziel des Teilprojekts PP03 des SFB „Deutsch in Österreich“!

Werde ich aufgrund dieser Erkenntnisse nun doch Zwetschken essen? Nein, aber dieser Aspekt ist für die Beantwortung der Forschungsfrage im Prinzip powidl.

Verwendete Quellen

Frei zugängliche Online-Quellen werden verlinkt. Auf die volle Literaturangabe wird dann in manchen Fällen verzichtet.

Wörterbücher: Ammon, Ulrich/Bickel, Hans/Lenz, Alexandra N. (Hgg.) (2016): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Berlin/Boston: De Gruyter. Deutsches Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm (DWB): zwetsche, quetsche, pflaume  Kluge, Friedrich/Seebold, Elmar (2011): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. Berlin/Boston: De Gruyter. Pfeifer et. al. (1993): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (DWDS): Zwetschge, Pflaume Rejzek, Jiří (2015): Český etymologický slovník [Tschechisches etymologisches Wörterbuch]. 3. vyd. Praha: Leda.

Sprachwissenschaftliche Fachliteratur: Elspaß, Stephan/Möller, Robert (2003ff.): Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA): Zwetschge / Pflaume ▪ Frings, Theodor (1932): Germania Romana. Halle/Saale: Niemeyer. ▪ Moser, Virgil (1942). Aus der Wortgeographie der deutschen Hochsprache. Zeitschrift für Mundartforschung 18, 96–105. ▪ Šmilauer, Vladimír (1942): Jména našich stromů [Die Namen unserer Bäume]. Naše řeč 26(8), 217–222.

Biologische und obstbaukundliche Fachliteratur: Hanke, Magda-Viola/Flachowsky, Henryk (2017): Obstzüchtung und wissenschaftliche Grundlagen. Berlin/Heidelberg: Springer. ▪ Körber-Grohne, Udelgard (1996): Pflaumen, Kirschpflaumen, Schlehen. Heutige Pflanzen und ihre Geschichte seit der Frühzeit. Stuttgart: Theiss.

Verwendete Abbildungen

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Kirschpflaume: Von Delex, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org/w/index.php
Japanische Pflaume: Von kusabana.fc2web.com/index1.html, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org/w/index.php
Zwetschke: Von Genet, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org/w/index.php
Kriecherl: Von Jonathan Billinger, CC BY-SA 2.0, commons.wikimedia.org/w/index.php
Halbzwetschke: Screenshot von Abb. 17.8 aus Hanke/Flachowsky 2017, S. 287 (Pflaumensorte "Anna Späth")
Ringlotte: Von Agnieszka Kwiecień, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org/w/index.php
Spilling: Von Genet, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org/w/index.php
Mirabelle: Von Tara2, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org/w/index.php

Beantwortet hat diese Frage:

Mag.a Agnes Kim

Sie hat an der Universität Wien Slawistik mit Schwerpunkt Tschechisch und deutsche Philologie studiert und ist seit 2016 im Teilprojekt PP06 („Deutsch und slawische Sprachen in Österreich: Aspekte des Sprachkontakts“) angestellt. In seinem Rahmen beschäftigt sie sich vor allem historischem Sprachkontakt zwischen dem Deutschen und slawischen Sprachen in Wien und Ostösterreich.